Kategorien

Automatische Vertragsanalyse – die Zukunft der Rechtsberatung?


"Die Technik nimmt dem Anwalt Standardaufgaben ab – sodass mehr Zeit für die wichtigen Dinge bleibt", erklärt Baltasar Cevc.

In der vergangenen Woche fanden in Berlin die Legal Transformation Days der Handelsblatt Fachmedien statt. Beim Legal Tech Live Pitch stellten innovative Legal Tech Akteure ihre aktuellen Projekte vor. Gewinner der Challenge war das Team von IT-Anwalt Baltasar Cevc, Maschinenlernspezialist Marco Scaravelli, Legal Engineer Nuri Khadem, Gründer, Techniker und Jurist Xavier Lavayssière und Designer Idan Nesher. Ihr AI-basiertes Produkt „ContrAnalyst“ analysiert und optimiert Verträge automatisch. Ist dies die Zukunft der Rechtsberatung? Rechtsanwalt und LegalTech-Berater Baltasar Cevc klärt auf.

DB: Herr Cevc, Sie und Ihr Team haben den Pitch gewonnen – mit welchem Produkt?

Baltasar Cevc: „ContrAnalyst ist eine Lösung zur automatisierten Vertragsanalyse, die dem Benutzer eine klare und einfache Zusammenfassung der wesentlichen Vertragsinhalte präsentiert. Speziell an unserem Ansatz ist allerdings ein starker Fokus: zunächst wird das Produkt nur Geheimhaltungsvereinbarungen adressieren und auf eine gute Benutzerführung setzen. Dadurch bauen wir schnell eine konsistente Datenbank mit klassifizierten Dokumenten und Klauseln als Basis für eine hochqualitative Lösung auf.“

DB: Aber sind Verträge nicht höchst individuell?

Baltasar Cevc: „Einerseits sind Verträge häufig Einzelwerke, andererseits sind gerade Geheimhaltungsvereinbarungen ein Massenphänomen und doch sehr ähnlich. Etliche Klauseln habe ich hier in meiner Praxis im selben Wortlaut schon von den unterschiedlichsten Unternehmen gesehen. Letztens hatten wir in einer Runde von Juristen eine Diskussion darüber, ob Verträge urheberrechtlich geschützt sind. Schnell herrschte Einigkeit, dass praktisch meist kein Schutz besteht, da das Meiste nur abgeschrieben und mit minimalen Modifikationen immer wieder verwendet wird.“

DB: Wie funktioniert Ihre Analyse?

Baltasar Cevc: „Technisch kombiniert unsere Lösung unterschiedliche Ansätze: Natürlich ist die sogenannte künstliche Intelligenz mit aktuellen Erkenntnissen aus dem Maschinenlernen und der Analyse natürlicher Sprache mit von der Partie. Auch einprogrammierte Regeln haben ihren Platz. Für uns steht im Vordergrund, dass die Lösung den Anwendern zuverlässig Mehrwert bietet.

Aber natürlich lässt sich nicht alles maschinell abdecken. Es wird zwar ein Großteil der Inhalte automatisiert analysiert. Es kann jedoch immer sein, dass das Programm in einzelnen Fällen keine zuverlässige Information liefern kann und ein Mensch eingreifen muss. Zu diesem Zweck werden wir mit einem Netzwerk von Anwälten zusammenarbeiten. Deren Kenntnisse sind unverzichtbar und dienen kontinuierlich der Verbesserung der Software.“

DB: Wer wird den ContrAnalyst nutzen und wofür?

Baltasar Cevc: „Insbesondere kleine Unternehmen und Freelancer unterschreiben Verträge bisher meist einfach, ohne die rechtlichen Risiken genauer zu kennen. Sie scheuen die Kosten für einen Rechtsanwalt und für eine Leistung, bei der schon schwer einzuschätzen ist, ob es überhaupt einer rechtlichen Beratung bedarf. ContrAnalyst hilft ihnen mit den entsprechenden Informationen, eine eigenständige Einschätzung zu finden. Auf deren Basis können sie in komplizierten Fällen einen Anwalt beauftragen und auch selbstbewusst wesentliche Punkte verhandeln, die sie bisher meist nicht einmal angesprochen haben. So entsteht ein ganz neuer Markt.

Für größere Einheiten kann das Werkzeug zur Vorsortierung dienen: anstelle alle, gar keine oder diejenigen Geheimhaltungsvereinbarungen zu prüfen, die mehr oder weniger zufällig auf dem Schreibtisch der Juristen landen, kann die Lösung die Vorsortierung übernehmen. Die Rechtsabteilung kann sich auf die kritischen Themen konzentrieren und nach Bedarf auch festlegen, dass bestimmte Verträge ohne weitere Prüfung unterzeichnet werden dürfen; dies erhöht dann die Durchlaufgeschwindigkeit für solche Dokumente signifikant. Der Prozess wird sich auch spezifisch auf Kunden oder Projekte anpassen lassen.“

DB: Also soll Ihr Produkt schlussendlich den klassischen Anwalt und seinen Rat ersetzen?

Baltasar Cevc: „Auf keinen Fall. Es ergänzt ihn und ermöglicht Nutzern, zu erkennen, wann anwaltlicher Rat besonders wichtig ist. Sie können dadurch begrenzte anwaltliche Ressourcen mit maximalem Nutzen einsetzen. Wir sehen insofern eher eine verstärkte Zusammenarbeit des Anwalts und des Mandanten unter Einsatz von Technik. Die Technik hilft auch dem Anwalt, die wesentlichen Informationen vorzufiltern, bringt neue Mandate – zum Beispiel von Freelancern, die durch das Produkt bessere Risikoinformationen erhalten haben. Unter Umständen nimmt sie ihm auch Standardaufgaben ab – sodass mehr Zeit für die wichtigen Dinge bleibt. Um die Technik bestmöglich einzusetzen, planen wir zusammen mit Anwälten ein Netz aufzubauen. Der Anwaltsberuf wird aus unserer Sicht eher aufgewertet, da sich Anwälte voll auf die zunehmenden komplexen Aufgaben konzentrieren können, welche die Maschinen nicht erledigen können.“

DB: Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus und wo werden Sie den Service anbieten?

Baltasar Cevc: „Um möglichst schnell Geschwindigkeit aufzunehmen, werden wir uns zeitnah persönlich zum Arbeiten treffen und werden, teils gemeinsam, teils parallel, an den unterschiedlichen Themen wie beispielsweise Analysetechnik, Marktzugang und Marketing und rechtlichen Inhalte arbeiten. Für ein junges Unternehmen ist es immer wichtig, kurzzyklisch Annahmen zu testen und zu lernen. Dementsprechend werden wir zunächst eine Minimalversion von ContrAnalyst einführen und diese nach und nach ausbauen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Lösungen im Rechtsmarkt werden uns dabei ebenfalls beschäftigen.

Wir werden zunächst im deutschen Markt starten, planen allerdings zeitnah eine Expansion in unsere Nachbarrechtsordnungen, nach und nach auch in weitere Vertragsarten. Angelsächsisch geprägte Rechtsordnungen werden erst später attraktiv. Einerseits sind hier in vielerlei Hinsicht schon mehr Spieler am Markt aktiv, vor allem durch die systembedingt mit mehr Gewinn automatisierbaren Aufgaben wie Recherche des Rechts und Analyse großer Dokumenten-Mengen, gleichzeitig aber auch durch andere Marktstrukturen, andererseits sind auch die Markterwartungen deutlich andere als bei uns.“

DB: Vielen Dank für das Interview, Herr Cevc.

Das Interview führte Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro.

 

Zum Hintergrund

Am 26./27. Juni fanden in Berlin die Legal Transformation Days der Handelsblatt Fachmedien statt. An zwei Tagen diskutierten rund 200 Teilnehmer mit Fachexperten über die aktuellen Trends und Chancen der Digitalisierung für die Rechtsberatung. Ergänzende Informationen sind auf www.legal-transformation.de zu finden.

 


Top