Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie wird für viele deutsche Unternehmen zum Kosten- und Umsetzungsrisiko. 52,5 % rechnen mit steigenden Lohnkosten, zugleich haben 41,8 % noch nicht mit den Vorbereitungen begonnen. 70,2 % befürchten zudem interne Konflikte und Unruhe in der Belegschaft, zeigt eine Umfrage des internationalen Kreditversicherers Atradius unter rund 300 Unternehmen in Deutschland.
Erste Berichterstattungspflichten ab 2027
Die Richtlinie soll den Grundsatz des gleichen Entgelts für gleiche oder gleichwertige Arbeit stärken und geschlechtsbedingte Entgeltunterschiede verringern. Sie sieht mehr Transparenz im Bewerbungsverfahren und erweiterte Informationsrechte für Beschäftigte vor. Zudem dürfen Beschäftigte nicht daran gehindert werden, ihr Entgelt offenzulegen, um den Gleichentgeltgrundsatz durchzusetzen. Deutschland hätte die EU-Vorgaben bis zum 07.06.2026 in nationales Recht umsetzen müssen, ließ die Frist jedoch verstreichen. Mit der nationalen Umsetzung und ersten verpflichtenden Berichten wird ab 2027 gerechnet.
Viele Unternehmen kennen die Vorgaben kaum
Der Handlungsbedarf ist groß: 26,4 % der befragten Unternehmen kennen die Richtlinie nicht, weitere 31,8 % nur dem Namen nach. Lediglich 38,6 % verfügen über grundlegende Kenntnisse. Gleichzeitig geben 69,7 % an, Gehälter bislang nicht transparent zu kommunizieren; 28,1 % erteilen nur auf Anfrage Auskunft. Nur 26 % nennen Bewerbenden ein Einstiegsgehalt oder eine Gehaltsspanne. 59,5 % tun dies nur teilweise oder auf Nachfrage, 14,5 % nie.
„In vielen Unternehmen beruhen Vergütungsentscheidungen auf gewachsenen Strukturen und werden bislang nur eingeschränkt transparent gemacht. Deshalb sollten Unternehmen ihre Vergütungssysteme frühzeitig anhand objektiver, geschlechtsneutraler und nachvollziehbarer Kriterien überprüfen und dokumentieren. Wer seine Gehaltsstrukturen nicht sachlich begründen kann, wird dies spätestens feststellen, wenn Beschäftigte Auskunft verlangen oder Bewerbende Gehaltsspannen vergleichen“, erklärt Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius. 22,3 % der Unternehmen sind derzeit nicht darauf vorbereitet, künftig verpflichtend Gehaltsinformationen im Bewerbungsprozess offenzulegen.
Auch die konkrete Umsetzung steht bei vielen Firmen noch am Anfang: 41,8 % haben noch gar nicht mit der Vorbereitung begonnen, 36,6 % befinden sich in der Planung. 17,2 % setzen bereits Maßnahmen um, nur 4,5 % haben ihre Vorbereitungen weitgehend abgeschlossen.
Konflikte, Bürokratie und Rechtsunsicherheit bereiten Sorgen
Am stärksten fürchten die Unternehmen interne Konflikte und Unruhe in der Belegschaft: 70,2 % nennen diese Sorge. Dahinter folgen der administrative Aufwand mit 49,5 %, die Rechtsunsicherheit mit 49,4 % sowie mögliche Nachforderungen und Klagen von Beschäftigten. Nur jedes zehnte Unternehmen (9,8 %) macht sich keine besonderen Sorgen. 54,3 % erwarten durch die neuen Regeln einen höheren Verwaltungsaufwand, 52,5 % steigende Lohnkosten.
Zum Hintergrund der Studie
Für die im September dieses Jahres durchgeführte Umfrage wurden rund 300 Unternehmen befragt. Sie stammen unter anderem aus den Branchen Automotive, Bauwirtschaft und Baustoffhandel, Chemie, Dienstleistungen, Elektronik, Finanzen, IT und Software, Konsumgüter, Landwirtschaft, Lebensmittel, Maschinenbau, Metall, Papier, Textil sowie Transport. Die Jahresumsätze der befragten Unternehmen reichen von unter fünf Millionen bis über eine Milliarde Euro. Die Unternehmen beschäftigen zwischen weniger als 100 und mehr als 1.500 Personen.

